Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz/Rheinhessen, Ostern 2010
Von Christopher Mühleck
BMW 328 Helmut Hilbig nennt weiße Limousine aus bayrischer Fahrzeugschmiede sein eigen
/GINSHEIM. Es ist sein erstes Auto, und auch nach mehr als 50 Jahren ist das Verhältnis von Helmut Hilbig zu seinem BMW 328, dessen Geburtstag mehr als 70 Jahre zurückliegt, immer noch von Leidenschaft, Lust am Basteln und Liebe zum Detail geprägt.
"Im Zuge des anlaufenden Wirtschaftswunders wurden schöne neue Autos produziert, und als Fahrer eines Vorkriegsautos musste ich manchen Spott über mich ergehen lassen. Doch meine Beziehung zum 328 blieb davon unbeeinflusst", schreibt Helmut Hilbig in seinen Erinnerungen an die erste Zeit mit dem weißen Bayernschlaks, dessen große Nüstern noch heute, neben dem blau-weißen Signum, Markenzeichen der Münchner Fahrzeugschmiede sind. Ihren Anfang nimmt die außergewöhnliche Geschichte zwischen dem Ginsheimer und dem "Bayer" in Hamburg, als Hilbig, gerade in der Hansestadt eingelebt, die Mobilität eines Heinkel-Rollers auf vier Räder betten möchte und zwei Arbeitskollegen ihren BMW 328, Baujahr 1939, los werden wollen.
"Trotz des damals desolaten Zustands, gefiel mir, außer der schnittigen Form, die weinrote Farbe und ich machte den Kauf mit einem Nachlass von 50 Mark zu einem Preis von 1450 Mark perfekt", erinnert sich Hilbig, der im Nachhinein versuchte, die Vorgeschichte des Wagens zu rekonstruieren. So sollte sich herausstellen, dass, der Zweite Weltkrieg warf seine Schatten voraus, der BMW am 6. Mai 1939 in Eisenach vom Band lief und nach Bremen ausgeliefert wurde.
Danach verliert sich die Spur. Erst Anfang der Fünfziger verweisen Papiere auf die Erlaubnis eines Re-Imports aus den Niederlanden. "Es war mir bisher nicht möglich, die Lücken in der Fahrzeug-Historie zu schließen. Eine wichtige Station ist aber der nachweisliche Umbau der Karosserie durch die Gebrüder Ihle in Bruchsal, auf die mich ein Amerikaner aufmerksam machte", erklärt der Liebhaber und gelernte Autoschlosser, der als Flugzeugmechaniker in Diensten der Lufthansa stand. In Zeiten, in denen noch eine Hand die andere waschen konnte, ein Gespräch und das Wort noch mehr zählten als Gebot und Geld, war es das kollegiale und kameradschaftliche Verhältnis zu den Werkstattmeistern im Betrieb, die den jungen BMW-Fahrer drehen, schleifen und schrauben ließen. Karosserie, Bremsen, Lenkung, Räder - es gab viel zu tun und Hilbig packte es an.
"Oldtimer sind für mich nicht einfach nur Fahrzeuge oder Fortbewegungsmittel. Es sind historische Denkmäler, die es zu pflegen gilt. Der BMW ist mein erstes Auto, aber ich habe die meiste Zeit meines Lebens in tollen Karossen verschiedener Baujahre verbracht", verdeutlicht der heute berentete 72-jährige Prüfer für Luftfahrtgerät. Ob die Zeit im Austin Healey 100 in Arabien oder das 8000-Kilometer-Abenteuer mit einem 57er Opel Kapitän, den Hilbig von Deutschland nach Daharan an der Ostküste Saudi-Arabiens eskortierte. "Ich brauchte ein Auto da unten", ist die lapidare Erklärung mit Grinsen, die der passionierte Bastler, der seit fast zehn Jahren Mitglied im Oldtimer Club Rhein-Main (OCRM) ist, für die halbe Weltumrundung, die ihn über 1400 Kilometer unbefestigte Straße führte. "Gerade letztes Jahr hat mich die Synchronisierung der drei Vergaser durch die Umstellung auf Ethyl-Alkohol viel Mühe gekostet, was die Zeit der Ausfahrten mit dem Club, die ich und meine Frau genießen, stark eingeschränkt hat. Aber es hat sich gelohnt", freut sich der Hobby-Bogenschütze. Das hat es ohne Zweifel.
Denn es ist ein wahrer Zungenschnalzer, wenn das weiße Prachtstück mit den breiten Backen und der beriemten Nase die kleine Gasse vor der Garage ziert.
Aerodynamisch kündet jeder Zentimeter des veredelt weißen Lackkleids von freier Fahrt mit Suchtpotential auf dem Rücken von 80 Pferden. Ob er ihn verkaufen würde? "Nein", ist Hilbigs klare Ansage und die Liebeserklärung an eine Freundschaft, die fünf Jahrzehnte überdauert hat.
